Ulrich Voigt, Johannes Heinen, Christian David (Moderation), Stephan Grünewald
Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, rufen wir nach dem Staat, nach Hilfen, Sofortprogrammen, nach dem Rettungsschirm. Was aber machen wir, wenn es der Demokratie schlecht geht? Kann man sich dann im Gegenzug auf die Wirtschaft verlassen?
Christian David stellte dem Saalpublikum die Frage: Müssen Unternehmen Verantwortung übernehmen, wenn es um die Verteidigung der Demokratie geht? Eindeutig ja – war die Meinung der überwältigenden Mehrheit. Und auch die drei Podiumsgäste vertraten diese Ansicht.
Stephan Grünewald beschrieb die Umstände, die das Erstarken antidemokratischer Strömungen begünstigen. Die mannigfaltigen Krisen, angefangen von Corona, über Ukraine-Krieg, bis zu Inflation, führen dazu, dass sich Menschen immer mehr in ihr „privates Schneckenhaus“ zurückziehen und dann den „Verdrängungsvorhang“ zuziehen. Ursächlich dafür ist das Gefühl, von fortdauernden schlechten Nachrichten deprimiert zu werden, an diesen Umständen aber nichts ändern zu können oder nicht davon betroffen zu sein.
Eine, wie Ulrich Voigt meinte, hoch problematische Entwicklung. Denn „wir brauchen ja den Diskurs und die Auseinandersetzung, um uns dann als Gesellschaft auf gemeinschaftliche Ziele einigen zu können.“ Der Austausch insbesondere mit Andersmeinenden geht durch den Rückzug zunehmend verloren.
Und genau an diesem Punkt können Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, fand Johannes Heinen. Denn sie sind ein Ort, an dem in der Regel sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, man also zwangsläufig mit Leuten zusammen ist, die nicht unbedingt Gleichgesinnte sind. Dadurch haben die Verantwortlichen im Unternehmen auch immer die Möglichkeit, diesen Austausch zu fördern. Stephan Grünewald ergänzte, dass die Chancen für die Unternehmen, sogar größer seien als die der Politik. Denn den Unternehmen werde eine größere Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen und klaren Zukunftsperspektiven zugetraut.
Ulrich Voigt erwähnte als weitere Einflussmöglichkeit von Unternehmen die Förderung konkreter Demokratieprojekte, die der Information und Aufklärung dienen. So ermöglicht die Sparkasse KölnBonn beispielsweise Jungwählenden bis Ende des Jahres den kostenlosen Zugriff auf das Online-Angebot von Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau oder Bonner General-Anzeiger und finanziert Schulungen, deren Inhalt der kritische Blick auf Social Media-Nachrichten ist.
Das Resumée der Talkrunde: Unternehmen können und sollten einen wichtigen Beitrag zur Stärkung unserer Demokratie leisten – indem sie klare Position beziehen und ihre Werte hochhalten, indem sie den Austausch unterschiedlicher Meinungen unter den Mitarbeitern unterstützen und dazu erziehen, andere Meinungen auch auszuhalten.
„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Winston Churchill
Was der frühere britische Premierminister mit seinem Ausspruch während des Zweiten Weltkriegs meinte, ist: Die Demokratie ist nicht perfekt, aber sie ist die beste Staatsform, die wir haben. Aktuell braucht unsere Demokratie allerdings Stärkung. Die Frage ist: Sollen sich Unternehmen daran beteiligen? Ist dies sinnvoll oder sogar notwendig?
Denn insbesondere rechtsextremistische und rechtspopulistische Kräfte erstarken auch in Deutschland und Europa. Das Abwerten und Diffamieren westlicher Werte und unserer demokratischen Grundordnung gehört zu ihrem Repertoire. Die Spaltung der Gesellschaft durch Demagogie und Hetze ist ihr Ziel. Verschlechtert sich die wirtschaftliche Situation, stellen sich in Teilen der Bevölkerung leicht Gefühle von Bedrohung und Verlust ein. Ein idealer Nährboden für antidemokratische Bestrebungen. Häufig wird in solch einer Lage materielle, soziale und demokratische Teilhabe als unzulänglich wahrgenommen. Undemokratische Lösungen und Konzepte erscheinen da umso verlockender, weil sie vermeintlich einfache und konfliktfreie Lösungen für komplexe Herausforderungen versprechen.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 konnte erstmals den langfristigen positiven Effekt zwischen einem demokratischen System und dem Wirtschaftswachstum nachweisen. Demnach erreichen liberale Demokratien eine dauerhafte Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums von 0,8 Prozent pro Jahr gegenüber den Ländern, die autokratisch bleiben. Meinungsfreiheit, demokratische Wahlen und die Beschränkung der Exekutive durch die Legislative sind die stärksten Treiber dieses Effekts. Eine soziale Marktwirtschaft lebt von Vertrauen, Zusammenhalt, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit. All dies trägt zu Stabilität und besserer Planbarkeit bei und befördert damit wirtschaftliche Stärke und das Florieren der Geschäfte. Unternehmen, die sich für diese Werte einsetzen, sammeln Pluspunkte im Wettbewerb um Fachkräfte, für ihre Markenwahrnehmung und das Kaufverhalten.
Erfolgreiche Wertschöpfung braucht also verlässliche Werte. Und Unternehmen können dazu beitragen, indem sie Position beziehen. Viele gehen da voran - von Aldi bis Edeka, von Bosch bis Würth. Ein Beispiel ist die Aktion “#Zusammenland – Vielfalt macht uns stark!”, um ein Gegengewicht zu Hass und Populismus zu bilden. Viele Unternehmen haben sich dem angeschlossen. Doch es stellen sich auch viele Fragen: Wo sollen Unternehmen beginnen, sich in der Gesellschaft einzumischen, was passiert innerbetrieblich und wo liegen die Grenzen? Genug Stoff also, sich damit eingehender zu befassen.
#WTNRW #WTK6

Johannes Heinen
Managing Director des Heinen-Verlag / Kölnische Rundschau

Stephan Grünewald
Diplom-Psychologe, Gründer & Managing Partner des rheingold. Institut Köln

Ulrich Voigt
Vorsitzender des Vorstands der Sparkasse KölnBonn

Moderation:
Christian David
Moderator, Reporter und Medientrainer