Zukunft & Industrie

Perspektiven am Standort Rhein-Sieg

Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG
04.09.2024 - 19:00 Uhr, Stadtmuseum Siegburg

Zukunft & Industrie - Perspektiven am Standort Rhein-Sieg - Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG

Thomas Wildt, Priyanka Gulati, Nathalie Bergdoll (Moderation), Sebastian Schuster, Grigori Bokeria

Diskussion zum Thema

Mit dem Thema "Zukunft & Industrie - Perspektiven am Standort Rhein-Sieg" fand der Wirtschaftstalk NRW, bereits seit 2012 ein erfolgreiches Format in Bonn, nun erstmals auch im Rhein-Sieg-Kreis statt. Das Stadtmuseum Siegburg bot dafür die historische Kulisse.

Und die Perspektiven im Rhein-Sieg-Kreis erweisen sich als durchaus zukunftsträchtig: Die Industrie der Region hat ihr umweltverschmutzendes Image längst hinter sich gelassen und hinter den Kulissen Digitalisierung und nachhaltiges Wirtschaften weit vorangetrieben.

"ESG" heißt das Stichwort - Environmental (Umweltverträgliche) und Social (Soziale) Governance (Unternehmensführung). Dies wird - so Grigori Bokeria, Partner / Head Industrial von Simon-Kucher & Partners - ein neuer Standard werden, der künftig auch geprüft werden wird, wie zur Zeit schon die Unternehmensbilanzen. Wer sich dem entzieht, wird es über kurz oder lang schwer haben am Markt.

Voraussetzung dafür ist natürlich, dass für die Einhaltung solch verantwortlicher Unternehmensführung messbare Kriterien bereitstehen. Ab 2025, so Thomas Wildt, CEO der Hennecke GROUP, müssen alle mittelständischen Unternehmen entsprechend berichten. Sein Unternehmen sieht er da gut aufgestellt: "Wir messen alles - ohne Daten können Sie nicht handeln und Prozesse verbessern!" So sei es gelungen, Prozesse zeitsparend zu automatisieren: "2019 haben wir für eine Dosiermaschine noch 6 - 8 Wochen gebraucht - heute brauchen wir 4 Tage, plus einen Tag fürs Testen!" Schnelligkeit sei das Gebot der Stunde, so der CEO: "Alle müssen schneller werden!".

Hemmschuh ist dabei leider nach wie vor oft die Bürokratie. Dem muss auch Sebastian Schuster, Landrat des Rhein-Sieg-Kreises, beipflichten: "Die Bürokratie bremst uns aus." Entscheidungsprozesse verkümmern auf der langen Bank - zum Beispiel sein ein interkommunales Gewerbeflächen-Konzept zwischen Kreis und Stadt Bonn ausgearbeitet, aber zur Frage der Aufteilung der Gewerbesteuer antworte Bonn einfach nicht.

Andererseits gibt es vielversprechende Gesprächsformate, die die lokale Industrie vernetzt - und die wiederum ist auch mit der Forschung im Gespräch. Priyanka Gulati, Produkt- & Marketing-Managerin bei Fraunhofer SCAI, berichtet von ihrer Arbeit mit digitalen Zwillingen realer Industrie-Objekte, die im virtuellen Modell analysiert und nachhaltig verbessert werden können. "Prozesse verbessern, Kosten reduzieren, nachhaltig werden" ist das Ziel, das durch Digitalisierung überhaupt erst ermöglicht wird. Fraunhofer-Mitarbeiter arbeiten zudem mit 6-Jahres-Verträgen in Forschungsprojekten, und die Idee sei, so Gulati, dass sie danach ihr erworbenes Know-How durchaus in die Industrie einbringen.

Denn der Standort bietet noch bezahlbaren Wohnraum, gute infrastrukturelle Anbindung und eine exzellente Hochschullandschaft. "Wir sind froh, noch viel im Rhein Sieg Kreis zu produzieren, weil wir uns wieder unabhängiger machen müssen von globalen Turbulenzen", so Thomas Wildt. "Local für Local - und trotzdem produzieren wir in der Welt." Wie das geht? Virtuelle Realität macht's möglich. Um heute eine Fertigungsstrecke in Korea zusammenzubauen und in Betrieb zu nehmen, müsse kein Ingenieur mehr extra dorthin fliegen - ein Lerneffekt der Corona-Zeit: "Vorher hätte ihnen jeder Ingenieur gesagt: Das geht nicht - wenn ich nicht vor Ort bin, funktioniert das nicht!"

Genau das aber, ein hoher Dgitalisierungs- und Automatisierungsgrad, mache deutsche Industriefertigung nach wie vor attraktiv, so Grigori Bokeria. Gerade bei Virtualisierung und internationaler Ausrichtung werde lokale Einbettung und Clusterbildung umso wichtiger - ein Ziel, das auch Landrat Schuster mit der Metropolregion Rheinland verfolgt: "Wir sind die wirtschaftsstärkste Metropolregion in Deutschland, 8 Millionen Menschen leben hier. Aber wir sind noch im Entstehen, entwickeln Kontakte."

Wohin also geht die Reise? Virtuelle Realität wird sicher noch stärker werden, digitale Simulationen und Emulationen, die schon jetzt, so Thomas Wildt, einen "gespenstischen Reifegrad" erlangt haben, werden an Bedeutung gewinnen, und sicher wird auch neben der reinen Fertigung der Service rund um die gefertigten Maschinen gefragter. Vor allem aber wird all das messbarer, wägbarer, bezifferbarer werden - und so, das ist die einhellige Erwartung, Verbesserung antreiben.

Doch vor allem, so Landrat Schuster abschließend, "müssen wir uns in Deutschland wieder vergegenwärtigen, wer unseren Wohlstand produziert." Wertschätzung für Unternehmertum, das hinter den Kulissen schon viel zukünftiger denkt, als sich so mancher von uns träumen lässt – dazu ermöglichte dieser erste Wirtschaftstalk Rhein-Sieg eindrucksvolle Einblicke.

Einführung in das Thema

Die Industrie hat ein Imageproblem. Hartnäckig scheint sich das Bild "rauchender Schlote" in vielen Köpfen zu halten, obwohl es überholt ist. Aber häufig wird Industrie gleichgesetzt mit klimaschädlichen Emissionen sowie einem erheblichen Energie- und Ressourcenverbrauch und zusätzlichem Verkehr und deshalb als Problem wahrgenommen. Dabei stellt sie nicht das Problem dar, sondern ist Teil der Lösung der modernen Herausforderungen.
Denn sie produziert die Komponenten, die für eine nachhaltige Entwicklung, für Gesundheit und Ernährung, für Energieversorgung und Mobilität und viele andere Anwendungsfelder benötigt werden.

Auch als Wirtschaftsmotor spielt die Industrie eine entscheidende Rolle. Wie aus dem Standortpapier der IHK Bonn/Rhein-Sieg zur Industrie hervorgeht, arbeiten in den 344 Industriebetrieben in der Region Bonn/Rhein-Sieg (290 davon im Rhein-Sieg-Kreis) über 32.000 Beschäftigte, die Lohnsumme beträgt gut 1,5 Milliarden Euro, der Umsatz zirka 7,1 Milliarden Euro. Somit generiert die örtliche Industrie eine erhebliche Kaufkraft. Außerdem geht rund jedes sechste sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis auf ihr Konto.

Die Rahmenbedingungen sind aus Sicht der Industrie allerdings herausfordernd. Standortfaktoren in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis, die über die Wettbewerbsfähigkeit der Industrieunternehmen mitentscheiden und die sich laut Standortpapier schon seit längerem als problematisch erweisen, sind Gewerbeflächen, bürokratische Auflagen, Fachkräftesituation, Verkehrsinfrastruktur, Energiekosten und Digitalisierung.

Wie könnten diese Standortfaktoren verbessert werden? Nehmen wir als Beispiel die Gewerbeflächen. Es liegt auf der Hand, dass Unternehmen sich nur dort ansiedeln und nur da expandieren können, wo die benötigten Flächen zur Verfügung stehen. Und es ist Fakt, dass in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis diese Flächen ein rares Gut sind.

Aus Sicht der IHK und ihrer Mitgliedsunternehmen müssten die beteiligten Kommunen deshalb stärker miteinander kooperieren, gemeinsame Gewerbegebiete entwickeln und Modelle vereinbaren, bei denen sowohl Erschließungskosten als auch Steuereinnahmen geteilt werden. Eine weitere Möglichkeit effizienter Flächennutzung ist die Errichtung mehrgeschossiger Gewerbe- und Industriegebäude. Dem stehen aber häufig die vorhandenen Bebauungspläne im Wege und kommen Aspekte wie langwierige Genehmigungsverfahren oder auch die Akzeptanz in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Tragen.

Um die Rahmenbedingungen der heimischen Industrie zu verbessern, wurde die In|du|strie-Akteptanzoffensive ins Leben gerufen, in der sich neben der IHK die Wirtschaftsförderungen von Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis sowie die Kunststoff Initiative Bonn/Rhein-Sieg engagieren. Bei Aktionen und Veranstaltungen soll der Öffentlichkeit das Bild einer modernen Industrie vermittelt und ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort, für nachhaltige Entwicklungen und Wohlstand gezeigt werden. Es ist nötig, dass Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Politik und Bürgerschaft stärker miteinander ins Gespräch kommen.

Eine Gesprächsrunde zu diesem Thema findet statt beim Wirtschaftstalk Rhein-Sieg am 4. September im Stadtmuseum Siegburg.

#WTNRW #WTRS1

Die Diskussionsrunde:

Sebastian Schuster

Sebastian Schuster
Landrat des Rhein-Sieg-Kreises

Thomas Wildt

Thomas Wildt
CEO der Hennecke GROUP

Grigori Bokeria

Grigori Bokeria
Partner / Head Industrial von Simon-Kucher & Partners

Priyanka Gulati

Priyanka Gulati
Produkt- & Marketing-Managerin bei Fraunhofer SCAI

Nathalie Bergdoll

Moderation:
Nathalie Bergdoll
Moderatorin, Schauspielerin und Journalistin


Ideeller Träger
Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg
Unterstützer
Stadtwerke Bonn Energie und Wasser Rhein-Sieg-Kreis