Netze für Rhein-Sieg

Verteilernetze von Strom bis Wasserstoff

Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG
24.03.2026 - 19:00 Uhr, Stadtmuseum Siegburg

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Dr. Jan Peter Sasse, Jan-Bernd Brüning, Nathalie Bergdoll (Moderation), Dr. Nils Namockel, Claudia Betzing

Diskussion zum Thema

Das war der Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG:
Netze für Rhein-Sieg - Verteilernetze von Strom bis Wasserstoff am 24.03.2026 im Stadtmuseum Siegburg

Wie müssen unsere Verteilernetze aufgestellt werden, um das erklärte Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen? Gleich am Anfang des Talks zeigte sich, dass wir an einem Kipppunkt stehen: Das bisherige Netz war als Einbahnstraße von den Kraftwerken zum Verbraucher konzipiert.

Heute erleben wir, so Jan-Bernd Brüning, Vorstand der rhenag Rheinische Energie Aktiengesellschaft, eine massive Dezentralisierung, bei der die Stromnetzbetreiber der Einspeise-Anfragen oft kaum Herr werden. Ein Problem dabei: sogenannte Phantom-Anfragen, über die sich Unternehmen schon mal einen Anschluss sichern möchten, den sie aber noch nicht nutzen - das erschwert realistische Netz-Planung.

Und während man früher, so Dr. Jan Peter Sasse, Referatsleiter Elektrizitätsverteilernetze, E-Mobilität in der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen, in Bezug auf die Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren die "Dunkelflaute" problematisierte, droht heute eher Überlast in der sogenannten "Hellbrise“. Dabei sei die Netzsicherheit in Deutschland auf hohem Niveau, der Netzausbau aber müsse bezahlbar bleiben.

Dr. Nils Namockel, Head of Research Area beim ewi Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln gGmbH, bezifferte den Bedarf für das Stromnetz bis 2045 auf rund 800 Milliarden Euro (je 400 Mrd. für Übertragungs- und Verteilnetze). Und die Nachfrage könne zwar bis 2025 auf das Doppelte steigen, auf der Erzeuger-Seite aber wird eine noch höhere Dynamik erwartet. Heißt: Steigende Kosten durch den Netzausbau treffen auf insgesamt sinkende Nachfrage durch Eigenerzeugung.

Claudia Betzing, Geschäftsführerin Industrie, Handel und Raumplanung der IHK Bonn/Rhein-Sieg, berichtet von Unternehmen, die transformationswillig sind, in der Praxis aber von den Antrags-Prozeduren ausgebremst werden: "Zu teuer, zu langsam, zu kompliziert!" Es brauche mehr Planungssicherheit für die Unternehmen im Transformationsprozess.

Kann KI helfen? Dr. Jan Peter Sasse setzt auf den Rollout intelligenter Messsysteme, die Kunden dazu animieren können, sich "netzdienlich" zu verhalten. Denn auch auf Netzbetreiber-Seite ist die wichtigste Frage: Wie komme ich zu realistischen Planungsgrößen, was ist eine robuste Nachfrage? Jan-Bernd Brüning plädiert dafür, die Investitionen vor allem durch Kooperationen zwischen Stadtwerken zu reduzieren, und die anstehenden Probleme gemeinschaftlich zu lösen.

Und Wasserstoff? Ist zurzeit eher eine Lösung für die Industrie, und von energieintensiven Unternehmen werde das Wasserstoff-Kernnetz als ausreichend beschrieben, berichtet Claudia Betzing.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Technisch stehen viele gute Lösungen bereit, es kommt darauf an, diese intelligent und effizient einzusetzen. Die Komplexität wird zwangsläufig steigen, um so wichtiger werden Kooperation und Kommunikation, "dass die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind", so abschließend Dr. Jan Peter Sasse.

Einführung in das Thema

Die Region Bonn/Rhein-Sieg steht vor einem tiefgreifenden Wandel in ihrer Industrie- und Energieversorgung: Ziel ist es, bis spätestens 2035 Klimaneutralität zu erreichen, wobei Wasserstoff als wichtiger Baustein neben der Elektrifizierung gilt. Das Fraunhofer Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen (SCAI) hat in Zusammenarbeit mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg die Daten von insgesamt 26 Industrieunternehmen, die an 27 Standorten im Kammerbezirk ansässig sind, analysiert.

Das Ergebnis der Untersuchung: Die Firmen decken einen Großteil des Energiebedarfs vor allem mit Erdgas; die ambitionierten Planungen sehen vor, diesen Anteil durch grünen Strom und Wasserstoff stark zu reduzieren. Sechs der untersuchten Betriebe sind voraussichtlich auf den Bezug von Wasserstoff angewiesen, da sie einen besonders großen Energiebedarf haben. Für fast alle anderen Betriebe dürfte es wirtschaftlicher sein, für eine CO2-freie Produktion auf elektrische Energie umzustellen. Allerdings haben von denen bislang nur zwei die Umstellung verbindlich geplant. Viele warten noch ab, vor allem hinsichtlich der Preisentwicklung von Erdgas und Investitionskosten für neue Anlagen.

Der Fortschritt hängt maßgeblich vom Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes ab. Bis 2032 sollen deutschlandweit über 9.000 km H2-Leitungen entstehen, wovon rund 60 Prozent durch Umwidmung bestehender Erdgasleitungen realisiert werden. Für die Region sind insbesondere neue Verbindungen und die Anbindung an das überregionale Netz entscheidend, um Wasserstoff aus Belgien, den Niederlanden und Norddeutschland bereitzustellen.

Bei größeren Standorten mit hohem Wasserstoff-Bedarf zwischen 9 Megawatt Leistung zeigt die Studie, dass einige Standorte wirtschaftlich an das WKN angeschlossen werden können – andere jedoch nicht. Für Standorte mit größerem Bedarf, die nicht direkt an das Netz angeschlossen werden können, werden Alternativen wie eine Eigenproduktion von Wasserstoff mittels Elektrolyse oder eine Versorgung per Wasserstoff-Trailer geprüft.

Der Ausbau der Stromnetze ist ebenfalls eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der Wasserstoff-Transformation und die Elektrifizierung der Industrie bis 2032. Durch den verstärkten Einsatz von Elektrolyseanlagen zur Wasserstoffproduktion und die Elektrifizierung industrieller Prozesse steigt der Strombedarf in der Region deutlich an. Um Engpässe zu vermeiden und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssen die bestehenden Stromnetze ausgebaut und leistungsfähiger gemacht werden. Dies betrifft sowohl die Netze auf der Verteil- als auch auf der Höchstspannungsebene. Intelligente Zähler und moderne Netzmanagement-Technologien werden dabei eine wichtige Rolle spielen, um den Stromfluss effizient zu steuern und die Integration erneuerbarer Energien zu optimieren.

#WTNRW #WTRS5

Die Diskussionsrunde:

Jan-Bernd Brüning

Jan-Bernd Brüning
Vorstand der rhenag Rheinische Energie Aktiengesellschaft

Dr. Jan Peter Sasse

Dr. Jan Peter Sasse
Referatsleiter Elektrizitätsverteilernetze, E-Mobilität in der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen

Claudia Betzing

Claudia Betzing
Geschäftsführerin Industrie, Handel und Raumplanung der IHK Bonn/Rhein-Sieg

Dr. Nils Namockel

Dr. Nils Namockel
Head of Research Area beim ewi Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln gGmbH

Nathalie Bergdoll

Moderation:
Nathalie Bergdoll
Moderatorin, Schauspielerin und Journalistin


Ideeller Träger
Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg
Unterstützer
Rhein-Sieg-Kreis