Dr. Markus Demary, Sabria David, Christian David (Moderation), Stephan Ortolf, Tahsin Dag
"Transformation" bezeichnet einen langfristigen, mehrere Jahrzehnte andauernden Lern- und Suchprozess, der mit vielen Unsicherheiten verbunden ist und mit hohen Kosten. Wichtige Aspekte dieses Wandels sind Digitalisierung und Klimaneutralität. Es wird damit gerechnet, dass bis zum Jahr 2045 jedes Jahr 120 Milliarden Euro investiert werden müssen, um die Wirtschaft klimaneutral zu machen und jährlich bis zu 344 Milliarden, um sie zu digitalisieren. Christian David erörterte mit seinen Podiumsgästen, wie die Aufgaben, die vor uns liegen, umgesetzt und wie sie finanziert können.
Dr. Markus Demary meinte, dass Unternehmen insbesondere in neue Prozesse, Anlagen und Maschinen investieren müssen, der Staat in Infrastruktur. Um bis 2045 klimaneutral zu sein, müssten alle mitmachen. Und je länger man warte, ergänzte Sabria David, desto größer seien zwangsläufig die Schritte, die man machen müsse, um das terminierte Ziel zu erreichen. Seit Jahrzehnten sei absehbar gewesen, dass unsere Form des Wirtschaftens nicht ewig funktionieren würde, dass in einem begrenzten System kein unbegrenztes Wachstum möglich ist – dies sei zu lange verdrängt worden.
Bei der Debatte, die über politische Ziele und regulatorische Vorgaben, die erfüllt werden müssen, geführt werde, gerate manchmal deren eigentlicher Zweck aus dem Blick, meinte Stephan Ortolf – nämlich den Planeten zu erhalten. Sich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen sei außerdem unabdingbar, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Mit Tahsin Dag, Gründer und CEO von PAPACKS, saß ein Unternehmer in der Runde, der die Zeichen des Wandels frühzeitig wahrgenommen hat. Sein Unternehmen stellt seit 11 Jahren Verpackungen aus pflanzlichen Rohstoffen für unterschiedlichste Produkte her, die solche aus Plastik oder Aluminium ersetzen. Er gehört also zu denen, die bereits die Früchte ihrer Anstrengungen ernten können, während andere gerade beginnen, erste Erfahrungen zu sammeln.
Christian David wollte wissen, wie viel Erfahrung der Finanzsektor mit Investitionen in die digitale oder klimaneutrale Transformation hat. Stephan Ortolf berichtete, dass insbesondere das Thema ESG-Beratung in der Breite in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen habe. Die Sparkasse KölnBonn hat eigene Teams aufgestellt, die den Kunden helfen sollen, sich im Dschungel der vielen unterschiedlichen öffentlichen Fördermittel zurecht zu finden. 125 zertifizierte Sustainable-Finance-BeraterInnen stehen kleinen oder mittelständischen Unternehmen mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um die Frage geht „Was muss ich denn jetzt tun, um nicht den Anschluss zu verpassen?“. Darin sieht Markus Demary einen großen Wert, den die Hausbanken, zu denen ein Vertrauensverhältnis besteht, für ihre Kunden haben. Sie können die Unternehmen individuell beraten, sie darauf hinweisen, welche Nachhaltigkeitsaspekte gerade für sie – auch im regionalen Umfeld – von besonderer Bedeutung sind und deshalb umgesetzt werden sollten. Nur müssen sich die Unternehmen auch darauf einlassen.
Etwa im Bereich der Digitalisierung: „Wichtig ist auch, die digitale Transformation ganzheitlich zu sehen. Es reicht nicht, dasselbe, das man bisher gemacht hat, jetzt digital zu machen“, meinte Sabria David. Damit verschenke man die Gelegenheit, vorhandene Prozesse grundsätzlich neu zu denken. „Fortschritt ist immer eine Kombination aus Technik und Kulturtechnik“, ist sie überzeugt. „Es muss Leute geben, die sich mit der Frage befassen, was technisch möglich ist und solche, die fragen, was wir mit diesen Möglichkeiten machen bzw. diese mit uns.“
Markus Demary betonte, dass in Deutschland kein Mangel an innovativen Ideen herrsche, aber stärker dafür gesorgt werden müsse, dass diese Ideen auch in Deutschland umgesetzt würden. Damit zielte er auf die Unternehmensgründung, die in anderen Ländern einfacher ist als bei uns, wo sie länger dauert und mit mehr Prozessen und Kosten verbunden ist. Und das ist auch eine Frage der Kultur, eine Frage der Fehlertoleranz und Risikobereitschaft. Beides ist in Deutschland womöglich nicht stark genug ausgeprägt. Das zeigt sich, so Tahsin Dag, auch darin, dass Start-Ups im Vergleich zu anderen Ländern, hierzulande wenig finanzielle Unterstützung erhalten - Stichwort Risikokapital - und das wiederum habe demotivierenden Einfluss auf die Unternehmen.
Der klassische Kredit ist für solche Investitionen vielleicht gar nicht das geeignete Finanzierungsinstrument. Stephan Ortolf erklärte es so: Die Sparkasse sammelt das Geld von vielen kleinen und großen Sparern ein und versucht, es sinnvoll anzulegen – etwa in einen Kredit für Firmenkunden. Deshalb ist wichtig, dass diese den Kredit irgendwann auch wieder zurückbezahlen können. Wenn Ideen noch nicht hinreichend erforscht oder marktreif sind, sollten sie nicht mit fremdem Geld finanziert werden, sondern mit Eigenkapital. Einen guten Lösungsansatz sieht er in der WIN-Initiative der Bundesregierung: Bis 2030 sollen erhebliche Milliardenbeträge von Seiten der Regierung über die KfW in neue Geschäftsideen investiert werden; aber immer in Kombination mit privatem Kapital.
Laut einer Umfrage der Europäischen Investitionsbank, von der Markus Demary berichtete, sehen die befragten Unternehmen selbst die Frage der Finanzierung allerdings als das geringste Investitionshemmnis an. Viel ausschlaggebender sind die Themen Fachkräftemangel, herrschende Unsicherheit, zu viel Regulierung und defizitäre Infrastruktur.
Damit liegt auch auf der Hand, an welchen Hebeln verstärkt angesetzt werden muss, wenn der technisch-wirtschaftlich-soziale Wandel gelingen soll.
Wir leben in unsicheren Zeiten. Der technisch-wirtschaftlich-soziale Wandel ist im vollen Gange und wir wissen noch nicht, wohin er uns führen wird. Die Welt wandelt sich, und sie wandelt sich immer schneller - und wir sehen gesellschaftliche Stimmungen Auswirkungen, die sich noch vor 20 Jahren niemand auch nur hätte träumen lassen.
"Transformation" ist das Stichwort, das diesen Wandel beschreibt. Denn der Wandel ist grundlegend und disruptiv. "Transformation" bezeichnet einen langfristigen, mehrere Jahrzehnte andauernden Lern- und Suchprozess, der mit vielen Unsicherheiten verbunden ist. Er kommt erst dann zum Abschluss, wenn sich neue Systemstrukturen dauerhaft etabliert und stabilisiert haben. Ein Prozess, der nichtsdestotrotz gestaltet und gemanagt werden will - ja muss, denn es handelt sich nicht nur um einen technologisch-unternehmerischen, sondern einen politisch-gesellschaftlichen Prozess.
Transformation in Unternehmen setzt daher eine gesamtunternehmerische Sicht voraus: Seien es Prozesse der Digitalisierung, der nachhaltigeren Gestaltung von Fertigungsmethoden, der resilienteren Aufstellung von Lieferketten - immer handelt es sich um Umgestaltungen, die nicht nur einen Teilbereich, sondern in der Regel Strukturen des gesamten Unternehmens betreffen. Digitalisierung zum Beispiel bedeutet nicht nur andere Software, sondern auch anderes Denken, andere Prozesse, andere Arbeitsplatzbeschreibungen, andere Produkte. IT und Fertigungstechniken verschmelzen zunehmend. Durch digitale Vernetzung können Maschinen aufeinander abgestimmt, Zeit und Ressourcen eingespart und auch bisher teurere Produkte wirtschaftlich hergestellt werden.
Wichtige Aspekte der Transformation sind dabei neben Digitalisierung und Umbau der Industrie unter umweltpolitischen und Nachhaltigkeitsaspekten aber auch der Arbeitskräftemangel, der eine Neugestaltung von Wertschöpfungsketten oder eine Automation bisher nicht gekannten Ausmaßes erforderlich macht.
All das kostet Geld. Viel Geld - und transformative Investitionen weisen einige Besonderheiten auf, die erhebliche Bedeutung für deren Finanzierung haben. Denn: Die Unsicherheiten sind größer, die Risiken höher. Außerdem ist der Zeithorizont für die Amortisation länger und die Sicherheiten sind womöglich nicht gegenständlich, daher schwer zu akzeptieren.
Das heißt aber auch: Der klassische Kredit ist für diese Investitionen vielleicht gar nicht das geeignete Finanzierungsinstrument. Muss also die Finanzmarktregulierung an die Besonderheiten des Transformationsprozesses angepasst werden? Um welche Summen handelt es sich überhaupt?
Die KfW hat kürzlich geschätzt, dass deutsche Unternehmen bis zum Jahr 2045 jedes Jahr 120 Milliarden Euro investieren müssen, um die Wirtschaft klimaneutral zu machen, und eine Studie von Price Waterhouse Coopers legt nahe, dass pro Jahr bis zu 344 Milliarden Euro investiert werden müssen, um die deutsche Wirtschaft zu digitalisieren. Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammengenommen bräuchten demnach also jährliche Investitionen von bis zu 500 Milliarden Euro allein in Deutschland!
Das Institut der Deutschen Wirtschaft betont, dass für die Förderung von Sprunginnovationen nicht auf staatliche Gelder verzichtet werden könne, schlägt aber auch vor: "Es könnten aber zusätzliche private Mittel über einen öffentlich-privaten Fonds mobilisiert werden. Für Projekte mit geringen Anfangsrenditen aber höheren zukünftigen Renditen könnte durch einen gemeinsamen Innovationsfonds zwischen privaten Investoren und dem Partner Staat eine Glättung der Renditen für die privaten Investoren erfolgen, so dass die anfänglich geringeren Renditen temporär subventioniert werden. Im Gegenzug würde später ein Teil der höheren Renditen in der späteren Phase zur Rückzahlung der Subvention verwendet."
Klar ist, die Transformation ist in vollem Gange und kann nicht "verschoben" werden, wenn die deutsche Wirtschaft nicht weiter ins Abseits geraten will. Es bedarf also auch einer Transformation der Finanzierungsinstrumente. Wir dürfen gespannt sein!
#WTNRW #WTK3

Tahsin Dag
Founder & CEO der PAPACKS Sales GmbH - Faserguss Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen

Sabria David
Digitalphilosophin & Lehrbeauftragte für "Digitale Transformation und Ethik" an der Karlshochschule

Dr. Markus Demary
Senior Economist / TC Int. Wirtschaftspolitik & Finanzmärkte des IW Institut der deutschen Wirtschaft

Stephan Ortolf
Vorstand für Firmenkunden, Institutionelle Kunden und Treasury der Sparkasse KölnBonn

Moderation:
Christian David
Moderator, Reporter und Medientrainer